HUGO VON HABERMANN (1849-1929)
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Material

Judith und Holofernes

Zum Gemälde "Judith im Zelt des Holofernes" 1873

Die Erzählung des Buchs Judith

Die Gefährdung des Volkes Israel stellt die Voraussetzung seiner Rettung durch die mutige Heldentat einer Frau dar. Bemerkenswert ist, daß die Titelheldin des Buches erst im achten Kapitel auftritt. Die ersten drei Kapitel beschäftigen sich ausführlich mit der Bedrohung des Volkes Israel, die in der Person des assyrischen Königs Nebukadnezar und dessen starken Heeren kulminiert. Der König beschließt ein Strafgericht über alle Völker, die ihm nicht gehorsam dienten, und beauftragt seinen Oberbefehlshaber Holofernes mit deren Unterwerfung. (Jdt 2,4-13)

Aus Angst um ihr Heiligtum in Jerusalem sowie um das eigene Leben fasten und beten die Israeliten und rüsten sich zum Krieg. (Jdt 4) Erbost über den Widerstand der Bewohner von Judäa holt Holofernes Informationen über diese ein. Achior, der Anführer der Ammoniter, klärt ihn darüber auf, daß die Israeliten unbesiegbar seien, da sie ihr mächtiger Gott beschütze, solange sie sich nicht gegen ihn versündigen. Er rät Holofernes, sich zuerst zu vergewissern, ob seine Gegner gegen ihre religiösen Gebote verstoßen hätten, da er sonst keine Chance gegen sie hätte. (Jdt 5,5-21) Als Rache an dem an Nebukadnezars Macht und gottgleicher Stellung zweifelnden Achior läßt ihn Holofernes fesseln und vor der Stadt Bethulia ausliefern. (Jdt 6,1-13) Von den Israeliten aufgenommen erläutert Achior diesen die Vernichtungspläne des assyrischen Feldherrn.

Um die im Gebirge liegenden und verschanzte Stadt Bethulia in die Knie zu zwingen, läßt Holofernes die Wasserquellen der Israeliten besetzen. Nach 34 Tagen der Belagerung gehen die Wasservorräte zur Neige, und die Stadtbewohner bitten ihr Oberhaupt Usija, die Stadt an die Assyrer auszuliefern. Dieser wiederum ermahnt das Volk zu weiteren fünf Tagen Geduld, in denen sich ihr Schicksal entscheiden soll. (Jdt 7,19-32)

Hier tritt nun Judith erstmals auf. (Jdt 8) Als Witwe des Manasse lebt sie bereits über drei Jahre in Trauergewändern in einem Zelt auf dem Dach ihres Hauses. Sie ist wohlhabend, schön und gottesfürchtig. Als sie von der Frist, die Usija festgelegt hat, erfährt, klagt sie die Ältesten der Stadt an, Gott zu versuchen und auf die Probe zu stellen. Sie entschließt sich, eine Tat zu vollbringen, die das Volk befreien soll, verrät jedoch ihre Pläne nicht. (Jdt 8,32-34)

In ihrem anschließenden Gebet erfleht sie Gottes Hilfe und Beistand für ihre außergewöhnliche Tat: "Schlag den Knecht wie den Herrn und den Herrn wie den Diener durch meine listigen Worte; brich ihren Trotz durch die Hand einer Frau! [...] [D]eine Herrschaft braucht keine starken Männer, sondern du bist der Gott der Schwachen und der Helfer der Geringen." (Jdt 9,10-11) Anschließend legt sie ihr Trauergewand ab, wäscht und salbt sich und schmückt sich mit Festkleidern und Geschmeide. Mit ihrer Dienerin und einem Vorrat an koscherem Essen verläßt sie ihre Heimatstadt und steigt den Berg zum Lager der Assyrer hinab, wo sie in das Zelt des Holofernes gebracht wird. (Jdt 10) Dort gibt sie vor, ins feindliche Lager übergelaufen zu sein. Sie schmeichelt Holofernes und rät ihm, mit dem Angriff auf Bethulia noch zu warten; denn erst, wenn sich das Volk in seiner Not gegen die Speisegebote seines Gottes wendet, könne er es schlagen. Diesen Zeitpunkt wolle Judith dem assyrischen Feldherrn mitteilen, damit er die Bethulier vernichten kann. Holofernes ist fasziniert von Judiths Schönheit und ihrer klugen Rede. Der verspricht, falls sie ihn zum Sieg führen werde, ihren Gott auch als den seinen anzuerkennen. Judith richtet sich auch im Lager der Assyrer streng nach den Gesetzen ihres Glaubens: sie ißt nur von ihren mitgebrachten Speisen und begibt sich - mit der Erlaubnis des Heerführers - zur Morgenwache aus dem Lager in die Schlucht von Bethulia, wo sie rituelle Waschungen vollzieht und betet. Am vierten Tag lädt Holofernes die hebräische Witwe zu einem Gastmahl in sein Zelt. Durch die Worte, die er an den Verwalter Bagoas, richtet, wird seine wahre Intention der Einladung deutlich: "Geh und rede der Hebräerin zu [...], daß sie zu uns kommt und mit uns ißt und trinkt. Es wäre wahrhaftig eine Schande für uns, wenn wir eine solche Frau gehen ließen, ohne mit ihr zusammengewesen zu sein. Sie selber würde uns auslachen, wenn wir sie nicht an uns rissen." (Jdt 12,12) Beim Festmahl ist Holofernes von Judiths Anblick ganz entzückt. "Seine Leidenschaft entbrannte, und er war begierig danach, mit ihr zusammenzusein. Denn seit er sie gesehen hatte, lauerte er auf eine günstige Gelegenheit, um sie zu verführen." (Jdt 12,16)

Doch der Feldherr trinkt zu viel Wein, so daß er einschläft, als alle Diener sein Zelt verlassen und ihn mit der Jüdin alleine zurücklassen. Nun tritt Judith an sein Lager, betet still, ergreift anschließend Holofernes' Schwert und schlägt dem Feldherrn mit zwei kräftigen Hieben den Kopf ab. Vor dem Zelt übergibt sie ihrer Dienerin das Haupt, das diese in einen Sack steckt. Anschließend machen sich beide wie gewöhnlich auf den Weg zum Gebet, gehen jedoch um die Schlucht herum und steigen den Berg von Bethulia hinauf bis vor das Stadttor. (Jdt 13,1-10)

Zurück in der Stadt, zeigt Judith dem versammelten Volk den Kopf des Holofernes. Bei der Erklärung ihrer Rettungstat beteuert Judith ihre Reinheit: "Seht, das ist der Kopf des Holofernes, des Oberbefehlshabers der assyrischen Truppen [...]. Der Herr hat ihn durch die Hand einer Frau erschlagen. [...] Zwar hat ihn mein Anblick verführt und in das Verderben gestürzt, aber er hat mich durch keine Sünde befleckt oder geschändet." Das Volk verneigt sich vor seiner Heldin und preist Gott. (Jdt 13,15-20) Anschließend verkündet Judith den weiteren Plan: alle kampffähigen Männer sollen in die Schlucht zum assyrischen Lager hinabsteigen. Dort werden dann die Feinde zu ihrem Befehlshaber laufen, um ihn zu alarmieren. Wenn sie aber sehen, daß jener tot ist, werden sie flüchten und sollen von den Bewohnern des ganzen Landes Israel verfolgt werden. Der Kopf des Holofernes wird über der Stadtmauer aufgehängt. (Jdt 14,1-5)

Als Bagoas die Leiche des Holofernes in dessen Zelt entdeckt und Judith vergeblich im Lager sucht, verkündet er den Soldaten: "Ein einzelnes Weib der Hebräer hat Schande über das ganze Haus des Königs Nebukadnezzar gebracht. Seht her: Holofernes liegt am Boden, und er hat keinen Kopf mehr." (Jdt 14,18) Gepackt von Furcht und Schrecken flüchtet das assyrische Heer und wird von den israelitischen Truppen verfolgt und niedergeschlagen. (Jdt 15,1-7)

Nicht nur von der Bevölkerung Bethulias, sondern auch vom Hohepriester in Jerusalem wird Judith für ihre rettende Tat beglückwünscht. Die Frauen, die ihr zu Ehren einen Jubelzug formieren, bekränzt Judith mit Ölzweigen und führt ihren Festreigen an. (Jdt 15,8-14) Anschließend folgt im Bibeltext ein Lobgesang, den Judith anstimmt. Sie preist damit den Gott Israels, der ihr die Kraft gab, den feindlichen Feldherrn allein durch den Reiz ihrer Schönheit zu überlisten. (Jdt 16,1-17)

In Israel wird ein dreimonatiges Freudenfest vor dem Heiligtum gefeiert, das durch Judiths tapfere Tat vor der Zerstörung bewahrt blieb. Anschließend kehrt Judith nach Bethulia auf ihren Besitz zurück. Dort lebt sie trotz zahlreicher Heiratsanträge als Witwe, bis sie im hohen Alter von 105 Jahren stirbt. Sie wird im Grab ihres Mannes Manasse beigesetzt und sieben Tage von ihrem Volk betrauert. "Niemand aber wagte mehr, die Israeliten zu beunruhigen, solange Judith lebte, und auch noch lange Zeit nach ihrem Tod." (Jdt 16,18-25).
(Kathrin Reining)

 

Quelle: http://www.hugo-von-habermann.com

Sabine Scheele, 2005 - 2011

 
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